Testbericht Tamin, 31.07.2004 in Hemmoor
Ich bin ein Freund technischer Spielereien und von Natur aus neugierig. Ich bin mit dem Hersteller des Geraetes weder verwandt noch in irgendeiner Weise verbunden.
Theorie
Was ist ein TAMIN?
Der TAMIN ist das erste und bisher einzige Navigationssystem für
Taucher. TAMIN ist die Abkürzung für "Track And Memory Indicated
Navigation" und das ist auch schon die Erklärung der Funktionsweise
des Geräts.
Der TAMIN ist in der Lage, beliebige Tauchgänge elektronisch
aufzuzeichnen und zu speichern. Auf Knopfdruck berechnet er den
Rückkehrkurs und zeigt ihn in einem Display an. Ausserdem können die
einmal gespeicherten Tauchgänge immer wieder abgetaucht werden, so
dass Besitzer eines TAMIN die Möglichkeit haben, Tauchgänge anderer
Sporttaucher herunterzuladen und nachzutauchen.
[ von
http://www.taminportal.de ]
Soweit die Theorie.
Praxis
In Hemmoor hatte ich die Gelgenheit, den Tamin zu testen, bzw. ein
Vorserienmodell, in dem viele der versprochenen Funktionen noch nicht
implementiert waren. Der Konstrukteur und seine Frau, die ich in
Hemmoor traf, gaben mir eine ausfuerliche Einweisung in das sehr
einfach zu bedienende Geraet. Dabei betonten sie, dass dieses Modell
nur die Navigation mittels ILS Darstellung demonstrieren wuerde.
ILS kommt aus der Fliegerei und bedeutet Instrument Landing
System. Dabei zeigen ein senkrechter und ein horizontaler Strich die
Abweichung von dem zum Ziel fuehrenden Kurs an. Das Serienmodell soll dann noch andere
Kursansichten, wie z.B. eine graphische Darstellung der
zurueckgelegten Route bieten.
Das Geraet
Das Geraet besteht aus zwei Teilen: Einem Unterteil, der mit etwas
unfoermigen Schraubklammern in Brusthoehe an das Jacket gebaut wird
und einem Oberteil, das aehnlich einem Telefonhoerer mit einem
Spiralkaben mit dem Unterteil verbunden ist und das man entweder auf
dem Unterteil einrasten laesst oder es zum Ablesen in die Hand nimmt.
Das Unterteil beinhaltet die Sensorik, also Traegheitssensoren fuer
alle drei Achsen, Magnetfeldsensor fuer die Kompassfunktion, einen
Sensor fuer Stroemungsgeschwindigkeit (derzeit an der Seite
aufgeklebt, soll im Serienmodell in das Gehaeuse integriert werden),
Temperatur und Drucksensor. Weiterhin beherbergt das Unterteil des
Tamins eine Anschlussmoeglichkeit fuer einen Hochdruckschlauch (Option fuer einen luftintegrierten Tauchcomputer)
und Solarzellen, um den Akku des Tamin wieder zu
laden. Die Solarzellen werden im Serienmodell entfallen, da das Laden
der Akkus darueber zu lange dauern wuerde. Stattdessen soll das Geraet
ueber ein handelsuebliches 9V Steckernetzteil aufgeladen werden
koennen. Die Akkukapazitaet wird derzeit mit garantierten 4 Stunden
angegeben.
Das Oberteil beinhaltet ein Display und zwei Knoepfe. Die Besonderheit
an dem Display ist, dass es sich um ein vollgraphisches OLED Display
handelt. Diese neuartigen Displays zeichnen sich u.a. dadurch aus,
dass sie selbst leuchten und dabei wenig Strom verbrauchen. Auf der
Gegenseite steht eine begrenzte Haltbarkeit: Nach rund 10.000 Stunden
halbiert sich die Helligkeit, was hier allerdings nicht so sehr ins
Gewicht fallen sollte.
Was die Knoepfe an dem Oberteil angeht: Der eine Knopf startet die
Aufzeichnung des Kurses, der andere Knopf schaltet auf
Umkehrkurs. That's it.
Der in ewig modischem orange gehaltene Tamin kommt etwas gross und
zunaechst unfoermig daher. Dabei ist das Gewicht und die Dicke
zunaechst etwas ungewohnt, wenn man sie mit derzeit auf dem Markt
befindlichen Tauchcomputern vergleicht. Die Abmessungen, insbesondere
die des Oberteils sollen sich im Serienmodell aber deutlich
verkleinern.
Man sieht dem Geraet sehr deutlich seinen Vorseriencharakter an. Hier
eine Ecke gespachtelt, dort ein weitere Sensor angebaut, etc. So war
ich denn zunaechst auch etwas skeptisch, als ich mit dem Teil ins
Wasser ging.
Im Wasser
Mit dem Einstoepseln des (derzeit unbenutzten) Hochdrucksensors in die
Seite des Tamin-Unterteils wird die ganze Kiste aktiviert. Das Display
ist bei direkter Sonneneinstrahlung nur schwer abzulesen und
flackert ein wenig. Sobald es aber ein klein wenig dunkler wird,
kommt die Brillanz des OLED Displays zum Tragen.
Geplant ist ein flacher, ca. 30 minuetiger Tauchgang, da dies bereits der Dritte TG des
Tages ist. Bei Einstieg 1 soll es in Hemmoor die Strasse gerade runter
gehen, dann in Hoehe des Autowracks am Rande der Strasse ab in den
rechts gelegenen Wald, ein paar Achten ziehen, wieder zurueck zum
Autowrack und von dort aus dann den gleichen Weg zurueck - aber den Rueckweg mit Tamin
Navigation. Aufgrund der perfekten Referenz durch die Strasse kann an
dieser Stelle besonders gut eine evtl. Abweichung des Geraetes
festgestellt werden.
Kurz hinter dem Einstieg ist ein Ende eines Stahltraegers zu
erkennen. Diesen markanten Punkt nutze ich als Startpunkt der
Kursaufzeichnung, also einmal kurz den linken Knopf druecken. Die
angezeigten Informationen ueber Kompasskurs, Wassertemperatur und
-tiefe stimmen soweit mit meinem Mares Tutor ueberein und sind, vom
Flackern abgesehen, sehr gut ablesbar. Das Flackern des Displays wirkt
ein wenig stoerend, auch die hohe Aktualisierungsrate von Zahlen und
Grafik wirkt sehr unruhig. Waehrend des Tauchgangs drehe ich mich ein
paar mal auf den Ruecken (die Abendstimmung in dem Unterwasserwald
kommt dann deutlich besser).
Als der Umkehrpunkt erreicht ist, druecke ich den rechten Knopf
und ein kleines Symbol zeigt mir, dass ich mich jetzt auf dem
Rueckkehrkurs befinde. Als ich mich auf der Strasse Richtung Wald
wende, kommt der vertikale Balken ins Bild und geleitet mich in den
Wald, so wie es fuer den Rueckkehrkurs auch richtig ist. Da die
Genauigkeit schaetzungsweise zwei Meter betraegt, kuerze ich eine
kleine Strecke durch den Wald ab, da ich sonst diverse Baeume haette
faellen muessen. Anschliessend befinde ich mich wieder auf dem
imaginaeren Gleitweg und sowohl die Hoehe als auch die seitliche
Abweichung stimmen wieder. An die sehr unruhige, etwas ruckartige
Veraenderung der beiden Balken der ILS Darstellung muss man sich erst
gewoehnen, damit man versteht, was das Geraet einem ueberhaupt "sagen"
will.
So fuehrt mich der Tamin dann tatsaechlich auch an der gleichen Stelle aus dem Wald, an dem ich
auch reingetaucht bin und so lasse ich mich von dem Teil die Strasse zurueck
navigieren. Wenige Meter vor Erreichen des Stahltraegers ist das
Geraet dann auch der Meinung, seinen Startpunkt wieder gefunden zu
haben.
Fazit
Das technische Konzept des Geraetes funktioniert ueberraschend
gut. Die Kombination aus Beschleunigungs- und Erdmagnetfeldmessung
erreicht eine erstaunliche Genauigkeit. Die fuer das Seriengeraet
geplante Stroemungsgeschwindigkeitsmessung soll die Genauigkeit noch
weiter stark erhoehen.
Die Art der Darstellung der Information ist noch stark
verbesserungswuerdig. Hier meinte der Entwickler auch, dass man an der
Software noch arbeite und dass Besserung in Sicht sei. Die ILS Darstellung ist etwas gewoehnungsbeduerftig, da eine abweichende Anzeige bedeutet, dass man sich
neben dem Gleitweg befindet, also parallel dazu. Das ist bei Kurskorrekturen auf jeden Fall zu beachten, um ein Zickzacktauchen zu vermeiden (ausserdem ist seitlich tauchen nicht jedermanns Sache ;-) )
Der Tamin ist eine interessante und durchaus innovative Entwicklung
eines kleinen Familienunternehmens. Es ist eine spannende Kombination aus
verschiedensten Sensoren, die in Verbindung mit einem vollgraphischen
Display viele Moeglichkeiten fuer Ideen eroeffnet. Was in welcher
Qualitaet verwirklicht werden wird, ist ausschliesslich eine Frage der
Software und davon konnte nur ein kleiner Teil getestet werden. Der
Konstrukteur versicherte mir, dass dem Serienmodell genug Speicher
spendiert wird, um auch in dieser Beziehung moeglichst grosse Freiheit
zu haben.
Etliche davon will der Hersteller auch realisieren. Sei es fuer die
Vermessung von Hoehlen, als Einsatzhilfe fuer Minensucher, als
Ueberwachungsmassnahme von Wracktauchern oder als Sportinstrument fuer
verschiedenste Arten von Navigationsspielen und -wettkaempfen.
Weiterhin will der Hersteller mit den bekannten kommerziellen
Tauchsportausbildern VDST, SSI, PADI etc. "specialties" fuer den Tamin
anbieten. Ob das auf ausreichend Gegenliebe stossen wird, muss sich
zeigen.
Auch der Preis des im Septermber 2004 in Serie gehenden Geraetes von
1399.-EUR muss erst einmal verkraftet werden, da dieser locker im
Bereich einer kompletten Tauchausruestung liegt.
Daher will der Hersteller zunaechst eng mit Tauchbasen und -shops
zusammenarbeiten, damit das Geraet von dort aus an Taucher ausgeliehen
werden kann. Weitere Aktionen wie z.B. Navigationsspiele, eine
Datenbank von getauchten Routen im Internet, Softwareupdates
etc. sollen folgen.
Es wird interessant sein, zu sehen, auf welches Echo das Geraet in
Taucherkreisen stossen wird und wo es seinen Einsatzbereich findet. Die Marine hat dem Vernehmen nach bereits grosses Interesse bekundet. Die ersten Tauchcomputer waren auch
zunaechst etwas unhandlich und wurden allseits belaechelt...
--
MatthiasWientapper - 01 Aug 2004 -
Kommentar?
siehe auch: